Rollifahrer erobert die Ostsee

Rollifahrer erobert die Ostsee

Tagebuch eines Integrationsprojektes der Reginge-Hildebrandt-Schule Birkenwerder

MAZ 01.06.2012

BIRKENWERDER - Zum „Integrationsprojekt Mannschaftssegeln“ der Regine-Hildebrandt-Schule habe ich mich bereits im Dezember 2011 beworben. Ich wollte als Rollstuhlfahrer segeln. Nicht einfach nur so, sondern ich wollte selbst steuern, navigieren, Segel setzen, Segel bergen, die Nebelglocke putzen und in der Kombüse abtrocknen helfen. Und ich wurde angenommen!

Nach zahlreichen Vorbereitungstreffen stachen wir am 5. Mai mit zwei Schiffen in See: „Wappen von Ueckermünde“ – erstes Rollstuhlsegelschiff Deutschlands, 20 Meter lang, 150 Quadratmeter Segelfläche, zwölf Knoten Höchstgeschwindigkeit – und dem Schwesterschiff „Greif von Ueckermünde“.

Die Crew pro Schiff bestand aus zwei Lehrern unserer Schule, zwei professionellen Skippern und zehn angeheuerten Schülern. Auf meinem Schiff waren es neun Schüler und mein Einzelfallhelfer Tim.

Ich habe Tagebuch geführt über mein Segel-Abenteuer.

1. Tag: Klar Schiff machen und ablegen. Dazu gehört es, alle Vorräte an Bord zu schaffen, die Kojen zu beziehen und die Schichten einzuteilen. Dann geht es los. Wir segeln auf dem Stettiner Haff. Mann, ist das aufregend!

2. Tag: Flaute. Oh Mann, ist das öde. Wir schreiben Karten, hängen rum und warten auf Wind. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und motivierte meine Mannschaft. Lehre dieses Tages: Segeln ohne Wind ist unmöglich.

3. Tag: Fahrt aufnehmen. Endlich, wir haben

 


den langersehnten Wind und legen Strecke zurück. Ich steuere das Schiff. Cool, das Schicksal dieser Mannschaft liegt in meinen Händen. Ich halte Kurs.

 

4. Tag: Schräglage, Ausfall der halben Crew. Nur noch der Steuermann steht am Ruder, und ich stehe Backbord an der Reling. Mein Rollstuhl ist mit Seilen gesichert. Die anderen haben sich im Katenhaus in Sicherheit gebracht und hoffen, dass sie das Essen drinnen behalten. Mein Motto: Acht Knoten und 15 Grad Schräglage – da geht doch noch mehr.

5. Tag: Regatta der beiden Schiffe. Es geht um die Frage der Ehre. Wer kommt als erster im Zielhafen an. Am Ende belegen wir den glorreichen zweiten Platz. Manchmal verliert man – und manchmal gewinnen eben nur die anderen.

6. Tag: Die letzte Nacht an Bord. Davor ein Abend, an den sich wohl jeder immer wieder zurückerinnern wird. Wunderschöner Sonnenuntergang und Seemannslieder mit Gitarrenbegleitung bis tief in die Nacht. Unvergesslich.

7. Tag: Die Schüler übernehmen das Schiff. Wir haben das Kommando und bringen das Schiff sicher in den Hafen. Was mich angeht: festes Land unter den Füßen und eine Träne im Auge.

Segeln heißt Teamarbeit, und ich gehöre zum Team. Ich, Oliver Bluhm, bin Rollifahrer und habe segelnd die Ostsee erobert. Ahoi, ihr Landratten! (Von Oliver Bluhm)

     
     




Veröffentlicht am:
18:12:40 01.06.2012 von CMS System Benutzer