All inclusive

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Eine Schule für alle: In Birkenwerder kommt man dem Inklusionsgedanken schon sehr nahe

MAZ 07.06.2011

BIRKENWERDER - Klassenleiterin Sybille Wieland diktiert die Aufgaben ins Heft. Wie viel sind 75 Prozent von 120 Euro? Was ist ein Term? Die Schüler der 7b schreiben mit, dann schnellen die ersten Zeigefinger in die Höhe. Eigentlich eine ganz normale Mathestunde. Dass in der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder (Oberhavel) einiges anders ist, merkt man erst auf den zweiten Blick.

Neben Sybille Wieland sind zwei weitere Erwachsene im Klassenzimmer. An einer der vorderen Tischgruppen blättert eine Betreuerin für einen Schüler die Buchseiten um. Eine pädagogische Hilfskraft schaut einem Mädchen bei den Aufgaben über die Schulter, gibt leise Tipps. Denn von den 22 Schülern der 7b haben vier einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Zwei Kinder der Klasse sind körperbehindert, ein Schüler hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), ein Mädchen zeigt Defizite bei der emotionalen Entwicklung. Jede Klasse der integrativen Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe arbeitet nach diesem Konzept: Behinderte und nichtbehinderte Kinder lernen gemeinsam.

In Birkenwerder ist man damit schon dort, wo Brandenburg flächendeckend hin möchte. Inklusion heißt das Zauberwort, mit dem Bildungsministerin Martina Münch (SPD) das Ende der Förderschulen einläuten und den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention gerecht werden will. Ab 2019 soll jedes Kind im Land unabhängig von seinen Voraussetzungen eine wohnortnahe Regelschule besuchen können. Von den 16 000 förderbedürftigen Schülern in Brandenburg sitzen derzeit knapp 39 Prozent im gemeinsamen Unterricht. Im deutschlandweiten Vergleich liegt Brandenburg damit gar nicht so schlecht. Dennoch endet auch in der Mark inklusive Bildung meist nach der Kita, spätestens nach der Grundschule. Weiterführende Schulen mit Integrationskonzept wie die Hildebrandt-Schule sind die Ausnahme. 626 Schüler zählt die Schule, davon haben 75 (zwölf Prozent) einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Die meisten leben mit einer Körperbehinderung, aber auch Schüler mit Defiziten in der emotionalen und sozialen Entwicklung, beim Lernen, Hören und Sprechen gehören ganz selbstverständlich zur Schulgemeinschaft.

Von „Inklusion“ will Schulleiter Hansjörg Behrendt trotzdem nicht sprechen. „Was wir machen ist Integration“, stellt er klar. „Wir sind erst auf dem Weg zur Inklusion.“ Der Unterschied liegt in der Denkweise: Inklusion in Vollendung bedeutet, dass kein Kind mehr als „andersartig“ angesehen wird. Alle Kinder sind förderbedürftig, also muss auch keines integriert werden. Schon allein um die Definition von Inklusion entzündet sich derzeit die Debatte, die Bildungsministerin Münch bei Regionalkonferenzen mit Schulen, Kommunen und Verbänden angestoßen hat. Die Verunsicherung ist groß. Was kommt mit Inklusion auf die Schulen zu? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden? Wie sollen Lehrer lernen, auf die Bedürfnisse von begabten, lernschwachen, blinden und hörgeschädigten Kindern gleichzeitig einzugehen? Und welche Vorteile hat inklusive Bildung überhaupt?

Was anderswo noch diskutiert wird, ist in Birkenwerder längst real. In der 7c steht Englisch auf dem Stundenplan. Die Schüler sollen in einem Kurzreferat zuerst in Kleingruppen, dann vor der gesamten Klasse vortragen, wie sie sich ihre Trauminsel vorstellen. Einige Schüler machen sich sofort ans Werk, zeigen, was sie zu Hause vorbereitet haben, diskutieren mit den Mitschülern, verbessern gegenseitig die Aussprache. Der klassische Frontalunterricht hat hier ausgedient. Einige Schüler haben keinen Vortrag vorbereitet – weil für sie die Aufgabe zu schwer ist. Nach der Anleitung von Lehrerin Julia Schellerhoff bearbeiten sie Übungen im Arbeitsbuch. Dazwischen sitzt Thomas (Name geändert), ein großgewachsener, fröhlicher Schüler, der von sich selbst sagt: „Ich kann gar kein Englisch. Ich bin lernbehindert.“

Julia Schellerhoff war bereits Referendarin an der Hildebrandt-Schule, hat von Anfang an gelernt, nicht nur die behinderten Schüler einzubeziehen, sondern gleichzeitig zwischen verschiedenen Lernniveaus zu jonglieren, schließlich sitzen in den Klassen der Gesamtschule Kinder, die später Abitur machen wollen neben solchen, für die schon ein Hauptschulabschluss ein toller Erfolg wäre. „Außenstehenden fällt das gar nicht gleich auf“, sagt Schellerhoff über die Kunst der Binnendifferenzierung. Oft seien es schon Nuancen in der Fragestellung oder der Wortwahl, die dem jeweiligen Schüler angepasst werden müssen. Um besser auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Jugendlichen eingehen zu können, stehen im Normalfall in den Kernfächern zwei Pädagogen gleichzeitig im Klassenzimmer, doch Schellerhoffs Kollegin ist krank. Sie muss sich vorübergehend allein durchschlagen.

 

 

Für Günther Fuchs, Landeschef der Bildungsgewerkschaft GEW, ist klar: Inklusion funktioniert nur mit einem Zwei-Pädagogen-System und nicht mehr als 22 Schülern pro Klasse. In Birkenwerder ist die zeitweise Doppelbesetzung nur möglich, weil die Schule dank ihres Konzepts zusätzlich Förderstunden geltend machen kann. Neben den 67 Lehrkräften und acht Referendaren arbeiten an der Schule eine Sozialarbeiterin, fünf pädagogische Unterrichtshilfen, eine Physiotherapeutin und zwei Zivildienstleistende. Ein Angebot, das eine „normale“ Schule nicht hat. Genauso wenig wie ausreichend Lehrer, die gelernt haben, mit sämtlichen Niveau- und Behinderungsstufen umzugehen. In Birkenwerder bilden sich die Lehrer regelmäßig fort, vieles ist auch „Learning by doing“. Wer neu an der Schule ist, wird von erfahrenen Kollegen unter die Fittiche genommen. „Inklusion geht nicht zum Nulltarif“, sagt Schulleiter Behrendt. Doch das Land muss sparen – im Bildungsbereich 27 Millionen Euro in dieser Legislatur. Für Bildungsministerin Martina Münch führt daran kein Weg vorbei – genauso wenig wie an der Inklusion. Beides zusammen, fürchten viele, wird aber nicht gehen.

Die Ministerin wirbt unverdrossen für ihr Vorhaben. Inklusion bedeute mehr Chancengerechtigkeit. „Gerade Schüler mit dem Förderbedarf Lernen sind oft Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern“, so Münch. Dahinter steht wohl auch die Hoffnung, die hohe Schulabbrecherzahl zu senken: Knapp 11 Prozent der jungen Märker verlassen die Schule ohne Abschluss. 67 Prozent von ihnen sind Förderschüler. Selbst jene, die einen Förderschulabschluss schaffen, haben kaum Perspektiven, denn der Abschluss ist nicht anerkannt.

Schulleiter Behrendt bremst Münchs Hoffnung. „Wer schwer lernbehindert ist, der schafft auch keinen Hauptschulabschluss“, ist er realistisch. „Es geht doch viel mehr um die soziale Integration – und erst in zweiter Linie um die fachliche.“

Aber nicht nur die Bedenken von Eltern gehandicapter Kinder gilt es auf dem Weg zur inklusiven Schule zu zerstreuen. Viele Eltern begabter Schüler fürchten, dass das Lernniveau im gemeinsamen Unterricht leidet. Das Gegenteil sei der Fall, sagt Behrendt: „Durch die heterogene Zusammensetzung wird das Niveau angehoben.“ In jeder der Hildebrandt-Klassen sitzen 33 Prozent Gymnasiasten. Der Abiturdurchschnitt von 2,7 ist auf Landesniveau.

„Es ist bequemer, es nicht zu tun“, sagt Schulleiter Behrendt, wenn er auf die Inklusion angesprochen wird. Auch Klassenleiterin Sybille Wieland, die vorher an einer „normalen“ Realschule unterrichtet hat, verlangt der integrative Unterricht viel ab. „Aber es lohnt sich“, sagt sie. Die Pädagogin denkt zum Beispiel an eine Schülerin mit emotionalem Förderbedarf, die – bevor sie nach Birkenwerder kam – gar nicht mehr zur Schule ging, fast völlig verstummt war. „Inzwischen spricht sie, ist Teil der Klassengemeinschaft“, erzählt Wieland nicht ohne Stolz. (Von Marion Kaufmann)



Bremen und Schleswig-Holstein sind deutschlandweit Vorreiter:

Hintergrund für die Inklusions-Debatte ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Sie garantiert Menschen mit Handicap unter anderem gleichberechtigten Zugang zu Bildung.

Die Unesco-Kommission bemängelte im November 2010 in Deutschland erhebliche Defizite bei der Umsetzung inklusiver Bildung. In der Bundesrepublik werden bislang nur 18 Prozent aller Kinder mit Behinderung in Regelschulen unterrichtet. In anderen europäischen Ländern sind es 85 Prozent. Sonderschulen für Kinder mit Lernproblemen existieren in den meisten anderen Ländern überhaupt nicht.

Innerhalb Deutschlands sind Bremen und Schleswig-Holstein die Vorreiter bei inklusiver Bildung. In den Ländern besuchen bereits 40 bzw. 42 Prozent der Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule. In Sachsen-Anhalt und Niedersachen sind es nur 6 bzw. 6,6 Prozent. Brandenburg liegt bei 38,8 Prozent.

Als ersten Schritt zur Inklusion will Brandenburg die derzeit 56 Förderschulen mit den Schwerpunkten „Lernen“, „emotionale und soziale Entwicklung“ und „Sprache“ auflösen. Ab dem Schuljahr 2013/2014 sollen alle Grundschulen in der Lage sein, Kinder mit diesen Förderbedarfen aufzunehmen. mak

   
   
Schüler in der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder                Foto: Enrico Kugler




Veröffentlicht am:
07:47:55 10.06.2011 von CMS System Benutzer