Der Mann mit dem Schal

Der Mann mit dem Schal

Schulleiter Hansjörg Behrendt geht in den Ruhestand / Er ist Verfechter des gemeinsamen Lernens

MAZ 24.01.2012
 

BIRKENWERDER - Ein Schulleiter muss an der Schule erkennbar sein. Hansjörg Behrendt war es. Er war der Mann mit dem Schal. Anfangs trug er Schlips und Schal. Bis ihm Steffen Reiche, Pfarrer und fünf Jahre lang Bildungsminister in Brandenburg, sagte, dass eins von beiden reichen würde. Behrendt entschied sich für den Schal. Wie viele er davon zu Hause im Schrank hat, weiß er nicht so genau. „Zehn bis zwölf?“

Behrendt hat sich aber nicht nur ob seiner Kleiderordnung an der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder einen Namen gemacht. Ihm und seinem Team ist es gelungen, die Regine-Hildebrandt-Schule zu einer der besten Schulen im Land Brandenburg zu machen. Eine mit Beispielfunktion. Erst vorige Woche war die Hildebrandtschule in Berlin mit dem Jakob-Muth-Preis für inklusiven Unterricht ausgezeichnet worden (MAZ berichtete). „Meine Kollegen verdienen Lob und große Wertschätzung“, sagt Behrendt, denn die Arbeit wird von ihnen gemacht.

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handycap, das war es auch, weshalb sich Behrendt vor zwölf Jahren entschieden hatte, sich für die Schulleiterstelle in Birkenwerder zu bewerben. Hier wurde ein Schulversuch mit fast ausschließlich Integrationsklassen gefahren. Behrendt hatte im Vorfeld alle sich ihm bietenden Fortbildungen in Sachen Integration „mitgenommen“ und unter anderem in Südtirol erlebt, dass Unterricht auch ohne spezielle Förderklassen gelingen kann. Zuvor hatte er schon aus Amerika diese Erfahrung mitgebracht. Am Ende seines Arbeitslebens kann der 65-Jährige resümieren: „Es war die richtige Entscheidung, nach Birkenwerder zu gehen.“

Mit Behrendt kam ein „Wessi“ an die Schule, der kein „Besserwessi“ sein wollte. Noch genau kann er sich an die erste Lehrerkonferenz erinnern. „Die Kollegen saßen da, klappten ihre Hefte auf und warteten auf Ansage.“ Behrendt aber wollte erst diskutieren. „Heute ist es umgedreht“, meint er schmunzelnd. „Wir haben viel voneinander gelernt“, schätzt der scheidende Schulleiter ein. Er musste sich daran gewöhnen, sich besser an Zeitvorgaben zu

 

 

halten. Und dass sein Mantel in den Schrank gehört. Im Westen gab es dafür einen Kleiderständer im Direktorenzimmer. „Ost-West, das ist eigentlich kein Thema an unserer Schule“, ist Behrendt überzeugt. Vielmehr geht es um die Sache: „Machen wir die richtigen Dinge, und machen wir die Dinge richtig?“ Behrendt bezeichnet sich selbst als „hoffnungslosen Berufsoptimisten“: „Auch bei einem Misserfolg muss man sich die Zuversicht erhalten und sagen: Das kriegen wir schon hin.“

„Ich bin dankbar, dass es im Landkreis drei Gesamtschulen gibt“, sagt Behrendt, der ein Verfechter von langem gemeinsamen Lernen ist. Schwächere und leistungsstärkere Kinder profitieren voneinander und erlangen auf diese Weise wichtige Kompetenzen.

Am Freitag und damit am Ende des ersten Schulhalbjahres hat Hansjörg Behrendt seinen letzten Schultag. Doch Dauerferien gönnt sich der Senior fortan nicht. Er fühlt sich noch fit. „Ich habe vorgesorgt, dass mir die Decke nicht auf den Kopf fällt“, sagt Behrendt und berichtet, dass er im Beratungs- und Unterstützerteam im Schulamtsbereich Perleberg mitarbeiten möchte, eine Zusatzqualifizierung in Prozessbegleitung erworben hat, um bei Schulentwicklung zu helfen. Auch an der Regine-Hildebrandt-Schule will er sich noch einbringen und eine Politik-Arbeitsgemeinschaft ins Leben rufen. Auch schwebt ihm der Aufbau einer richtigen Schülerfirma vor. Diese könnte das Schülercafé betreiben und die Schüler-T-Shirts bedrucken.

Behrendt ist ein Weltmann, Studium (Anglistik, Amerikakunde und Geschichte) und Lehrerberuf haben ihn ins Ausland geführt, nach England, in die USA, nach Australien und Neuseeland. „Man muss auch in Sachen Schule über den Tellerrand schauen“, so seine Maxime. Doch obwohl er fließend englisch spricht, will er nun noch eine Fremdsprache lernen, um der „Demenz vorzubeugen“ . Ob es spanisch oder Italienisch ist, muss er noch entscheiden. Außerdem will er den deutschen Segelschein machen, Gitarrenstunden nehmen und seiner Fotoleidenschaft frönen. Ach so: Ein Motorrad hat er auch und den Plan, mit der Tochter auf Tour zu gehen. (Von Helga Gerth)

     
     




Veröffentlicht am:
10:55:36 24.01.2012 von CMS System Benutzer