Lehrer brauchen Hilfe

Lehrer brauchen Hilfe

Rektor Hansjörg Behrendt über gemeinsamen Unterricht

MAZ 20.01.2012
 
Die Gesamtschule „Regine Hildebrandt“ in Birkenwerder (Oberhavel) ist gestern in Berlin mit dem Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule ausgezeichnet worden. Mit Schulleiter Hansjörg Behrendt (65) sprach Marion Kaufmann.

MAZ: Glückwunsch zur Auszeichnung. Welche Bedeutung hat der Preis für Ihre Schule?

Hansjörg Behrendt: Der Preis ist eine wichtige Rückmeldung, eine Wertschätzung unserer Arbeit. Ich freue mich sehr für das gesamte Kollegium.

Was ist das Erfolgsrezept Ihrer Schule?

Behrendt: Wichtig ist, dass wir eine Gesamtschule sind, also wirklich eine Schule für alle Kinder. Zudem haben unsere Kollegen gelernt, im Team zu arbeiten. Eine Schule kann nur dann gute Arbeit leisten, wenn viele Leute bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und nicht einfach par ordre du mufti entschieden wird.

Inklusion, der gemeinsame Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder, soll künftig auf ganz Brandenburg ausgeweitet werden. Viele Schulen haben große Befürchtungen. Können Sie das verstehen?

Behrendt: Das kann ich sehr gut verstehen. Die Kollegen haben Angst, dass Inklusion zum Sparmodell wird. Davor kann man das Bildungsministerium nur warnen. Es ist gut, dass das Thema Inklusion nun angegangen wird, aber um das Konzept umzusetzen, muss das Land eine Anschubfinanzierung leisten. Nur so können die Kollegen mit einem guten Gefühl einsteigen.

Welche Bedingungen sind nötig, um Inklusion gut umsetzen zu können?

 

 

Behrendt: Zuerst braucht es Leute, die den inklusiven Ansatz auch denken und ihn nicht nur übergestülpt bekommen haben. Die Lehrer brauchen dann Unterstützung in Form von Fortbildungen und Qualifizierung. Entlastungsstunden und Integrationspädagogen in den Klassen sind zwingend, vor allem in den Anfangsjahren. Wenn ein Lehrer allein in einer Klasse mit 28 Schülern steht, von denen mehrere ein Handicap haben, das geht nicht. Das ist die absolute Überforderung.

Eltern behinderter Kinder haben Angst, dass ihre Kinder an Regelschulen nicht optimal gefördert werden. Eltern leistungsstarker Schüler fürchten, dass das Lernniveau leidet. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Behrendt: Uns sagen alle Eltern behinderter Kinder, auch die, die vorher Bedenken hatten, dass ihr Kind nun besser gefördert wird und sich vor allem im sozialen Bereich wie ein normaler Jugendlicher entwickeln kann. Eltern aus dem leistungsorientierten Bildungsbürgertum erkennen bei uns, dass Kinder in heterogenen Gruppen mehr gefördert werden als in homogenen Gruppen. Gymnasien sind ja eigentlich eine Art Sonderschule. Ein Kind lernt mehr, wenn es einem Schwächeren die Aufgabe noch einmal erklärt, als wenn es drei Aufgaben zusätzlich rechnet.

Inklusion kann also gelingen?

Behrendt: Das ist kein Automatismus. Die Bedingungen müssen stimmen und alle Beteiligten – Lehrer, Eltern und Schüler – müssen davon überzeugt sein und zusammenarbeiten, nur dann geht es.

     
     




Veröffentlicht am:
18:39:36 20.01.2012 von CMS System Benutzer