Allein durchgeboxt

Allein durchgeboxt

Ungebrochenes Interesse an der Wendezeit / Diskussion über das Leben mit Behinderung in der DDR

MAZ 20.01.2012

 

BIRKENWERDER - Das Interesse der Birkenwerderaner an der Vorwendezeit und dem gesellschaftlichen Aufbruch in der Gemeinde scheint ungebrochen. Davon zeugte am Mittwoch der dritte Themenabend, den die „Macher“ der Ausstellung „Als das Blatt sich wendete“ jungen Menschen mit Behinderung widmeten, die in Birkenwerder zur Schule gingen. Es war die einzige Bildungsstätte in der DDR, in der Schüler mit Handicap das Abitur ablegen konnten. Heute befindet sich hier die Regine-Hildebrandt-Gesamtschule. Schulleiter Hans-Jörg Behrendt als „Hausherr“ konnte rund 70 Besucher begrüßen. Als „Wessi“ habe er mit Hilfe der Wende-Ausstellung, die im Foyer zu sehen ist, eine Menge über die Geschichte der Schule gelernt.

Dank der Initiative von Regisseur Konrad Weiß, der trotz staatlicher Widerstände gegen Ende der DDR zwei Dokumentarfilme über das Leben behinderter junger Menschen drehte, konnten die Besucher konkret Einblick nehmen. Weiß begleitete zunächst den damals 14-jährigen Ivo und später Ivo zusammen mit Sabine, die seine Frau wurde. Beide sind querschnittsgelähmt. Der jetzt 45-jährige Ivo Klauck war zusammen mit Regisseur Weiß der Einladung zur Gesprächsrunde mit Moderatorin Manuela Dörnenburg nachgekommen.

„Ich brauche das nicht, das bisschen Mitglied“, war der Film mit Ivo überschrieben, den es schmerzte, wenn Erwachsene komische Fragen stellten, was denn mit ihm los sei oder wenn sie zuschauten, ob er eine schwierige Situation allein meistern kann, um sich dann zu entscheiden, Hilfe anzubieten. Schmerzlich auch die Szene, dass Rollifahrer vom Besuch des Fernsehturms ausgeschlossen waren. Der Fahrstuhl könnte ja kaputtgehen.

Wie zu DDR-Zeiten üblich, hatten Ivo und 

 

Sabine, die sich an der Schule in Birkenwerder kennengelernt hatten, bereits in jungen Jahren geheiratet. Ihr Start ins Berufsleben war mit Schwierigkeiten gepflastert, wie Versuche zeigten, einen rollstuhlgerechten und dazu sinnerfüllten Arbeitsplatz zu finden. „Man traute Behinderten nichts zu, man wurde nicht als gleichwertig akzeptiert“, schildert Klauck. Das junge Paar musste sich „allein durchboxen“.

Trotz vieler Hindernisse blickt Ivo Klauck nicht mit Groll auf seine Zeit in Birkenwerder zurück. Ganz im Gegenteil. Für manche erstaunlich, hat er sie sogar in guter Erinnerung. „Wenn wir Selbstständigkeit erlernt haben, dann hier“, berichtete er von seiner Zeit im Internat. Und auch die Bahnbrücke sei eine echte Herausforderung gewesen. „Wenn wir unterwegs waren, nannte man uns die Rolli-Rocker aus Birkenwerder“, berichtet er nicht ohne Stolz. Dass er und seine Frau seinerzeit das Studium geschmissen hatten, dafür suchen sie nicht bei anderen die Schuld. „Wir hatten uns ganz einfach für das falsche Studium entschieden“, gibt er zu. Auf Umwegen, wie sie andere Menschen auch gehen, haben sie nun ihren Beruf und ihre Berufung in der Sozialarbeit gefunden.

Auf die Jetzt-Zeit angesprochen, meint Klauck: „Die Filme sind noch aktuell.“ Er sei schon viel in der Welt herumgekommen, deshalb könne er einschätzen, dass Deutschland hinsichtlich der Integration von Behinderten noch „ein Entwicklungsland“ sei. Als „hoffnungsloser Optimist“, wie ihn seine Frau im Film beschrieb, freue er sich über jeden Fahrstuhl am Bahnhof. Die Gesellschaft sei nicht darauf eingestellt, dass die Menschen krank und alt werden und sterben und heute wie früher nicht auf Menschen mit Behinderung, meinte ein Besucher. Dass es doch funktionieren kann, dafür ist die Hildebrandtschule ein Beispiel. (Von Helga Gerth)

     
     




Veröffentlicht am:
18:39:25 20.01.2012 von CMS System Benutzer