„Die war ganz schön dolle“

„Die war ganz schön dolle“

 

Heute vor zehn Jahren starb die ehemalige brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt

MAZ 26.11.2011

POTSDAM - Kurz nach ihrem Tod ging es los: Die Anfragen von Schulen, Pflegeheimen und sozialen Einrichtungen flatterten bei der Familie nur so ins Haus. Alle wollten den Namen Regine Hildebrandt tragen. Ihr Ehemann Jörg hat von Anfang an darüber gewacht, dass sich niemand zu Unrecht mit dem Namen schmückt. „Unsere Kinder und ich waren immer wählerisch“, sagt Hildebrandt. Inzwischen werde die Erinnerung an seine Frau nüchterner gesehen, sagt der Witwer. „Regine war immer erstaunt, dass die Leute sie für etwas Besonderes hielten.“

In Brandenburg gibt es neun soziale Einrichtungen, vier Schulen, einen Park und zwei SPD-Häuser, die nach Regine Hildebrandt benannt sind. Zwei Preise und zwei Medaillen werden in ihrem Namen verliehen. Hinzu kommen Dutzende Begegnungsstätten, die ebenfalls den Namen der Politikerin tragen. Da verwundert es nicht, dass Jörg Hildebrandt schlicht vergessen hat, wie es eigentlich dazu kam, dass 2006 in Berlin-Hellersdorf ein kleiner Park nach seiner Frau benannt wurde. Er liegt langgestreckt zwischen der U-Bahn-Trasse der Linie 5 und einem Plattenbaugebiet. Die Fläche wurde wellig gestaltet, es gibt Rasen, ein paar Klettergerüste und Sitzbänke. Junge Mütter schieben Kinderwagen über die Spazierwege, rauchen oder telefonieren dabei. „Ich weiß nicht mal, dass der Park einen Namen hat“, sagt eine. Von Regine Hildebrandt hat sie noch nie etwas gehört. Wenig mehr wissen die Besucher der Currywurst-Bude im nahen Wohnblock. „Die war ganz schön dolle, die Hildebrandt“, sagt ein alter Mann.

Wie geht man im Jahr 2011 um mit dem Erbe einer Politikerin, die ohne Zweifel viel bewegt hat, doch aufgrund ihres frühen Todes und der ereignisreichen Zeit, während der sie wirkte, auch eine Projektionsfläche für Verklärung bietet? Für Hansjörg Behrendt, Leiter der Hildebrandt-Schule in Birkenwerder (Oberhavel) stellt sich diese Frage nicht. Für ihn ist einfach „der Name Programm“: Die Gesamtschule gilt als Musterschule, 2005 gewann sie bei einer bundesweiten Schülerevaluation den ersten Preis. In der Pausenhalle hängt ein gezeichnetes Porträt der Namensgeberin, darauf streckt Regine Hildebrandt bei tiefsitzender Lesebrille die gepiercte Zunge heraus. „Sie hat sich für Schwächere eingesetzt und Tacheles geredet“, sagt Behrendt. Das ist für ihn ihr politisches Vermächtnis, das er an seiner Schule pflegen will.

Die frühere SPD-Sozialministerin gilt vielen heute noch als Ausnahmepersönlichkeit, eine Anti-Politikerin, die den Menschen näher war als der Macht, die sich nicht schonte und als Stimme des Ostens den Wessis und politischen Gegnern die Meinung geigte. Beinamen wie „Mutter Courage des Ostens“ wurden ihr noch zu Lebzeiten verpasst. Aussprüche wie „Ich

 

 

sehe doch, was hier los ist“, oder „Sagen Sie mir nicht, dass es nicht geht, sondern wie es geht“ sind legendär. Die Schüler in Birkenwerder, kennen trotz ihres jungen Alters all diese Zitate. „Sie hat sich für Frauenrechte eingesetzt und für Integration von Armen und Behinderten“, sagt die 16-jährige Jana Haude. „Sie war anders als andere Politiker. So eine bräuchte man heute“, findet ihr Klassenkamerad Jonathan Beer.

Die große Zeit der Regine Hildebrandt waren die Jahre nach der Wende, als bei Politikern noch nicht so darauf geschaut wurde, ob sie auch alle Hierarchie-Stationen innerhalb ihrer Partei durchlaufen hatten. Wie Regine Hildebrandt – promovierte Biologin – waren damals Leute mit unterschiedlichstem Hintergrund in Parteiämter gespült worden.

Frank Müller-Brys gehört einer späteren Politikergeneration an. Für den 38-Jährigen war Regine Hildebrandt vor elf Jahren ein Grund, in die SPD einzutreten. Er leitet seither den Ortsverein Woltersdorf (Oder-Spree), dem auch Regine Hildebrandt angehörte. Doch Müller-Brys ist vorsichtig, seine verstorbene Genossin zur Parteiikone zu erheben. „Zu viel an eine Person zu hängen, wäre nicht gesund“, findet der Familienvater. Es sei selbstverständlich, dass Minister sich einsetzten. „Aber in der Vehemenz, mit der sie für ihre Überzeugungen gekämpft hat, war sie einzigartig.“

An der Basis in Woltersdorf ist man zwar stolz auf das prominente Mitglied, aber die SPD-Leute am Ort pochen auf ihre Eigenständigkeit. Holger Dymke etwa sagt: „Die Verklärung ist schon groß. Ja, sie hat das Richtige zum richtigen Zeitpunkt erkannt und die Herausforderung angenommen. Aber sie war auch enorm anstrengend für die Partei. Die Kollegen brauchten damals viel Geduld und Frustrationstoleranz.“

Ob sich Regine Hildebrandt mit der ihr nachgesagten Sturheit und Unkonventionalität im heutigen Politikgeschäft noch wohlfühlen würde – und ob sie damit noch durchkäme – bezweifelt selbst ihr Ehemann. Andere sagen, dass sie auch in der Gegenwart ihre Themen fände. Klaus Ness zum Beispiel, der Generalsekretär der SPD Brandenburg. „Mindestlohn – das wäre heute ihr Thema“, sagt der 49-jährige Niedersachse, der Hildebrandt in den 90er Jahren kennenlernte. „Arbeit statt Arbeitslosigkeit, das war ja schon damals ihr Anliegen. Das ist immer noch aktuell.“

In Berlin vergibt die SPD heute den Regine-Hildebrandt-Preis an die uckermärkische Initiative „Quillo – Neue Musikvermittlung auf dem Land“ sowie an den Verein „Rothener Hof e.V.“ aus Mecklenburg-Vorpommern. (Von Nora Schareika)

     
     




Veröffentlicht am:
23:09:21 04.12.2011 von CMS System Benutzer